Klackern, Flüche, Holzgeruch – mein Wochenende mit der Murmelbahn

Freitagabend Anfang Februar, kurz vor Mitternacht. Die Wohnung riecht nach frisch gesäg­tem Kiefernholz. Aus dem 3D-Drucker vom Büro kommt ein lei­ses, gleich­mä­ßi­ges Surren. Auf dem Bett schla­fen Conny und ich. Im Drucker arbei­tet das PLA Wood-Filament von Bambu Lab.

Das ist mein Leben seit fünf Wochen.

Ein Drucker zieht ein. Dann noch einer.

Es begann harm­los. Ein Bambu Lab P2S zog ein. Dann – zwei Wochen spä­ter, weil ein Drucker ja ein­deu­tig nicht reicht – der H2D. Seitdem dru­cken Conny und ich, was das Zeug hält: Figuren und Lampen, Schalen und Organizer, Flaschenöffner, Haken, Werkzeuge. Der Drucker hat sich als erstaun­lich viel­sei­tig erwie­sen, und ich mich als erstaun­lich besessen.

Auf einen Nebeneffekt war ich aller­dings nicht vor­be­rei­tet: Ein 3D-Drucker im Haushalt wirkt auf das sozia­le Umfeld wie ein Magnet auf Eisenfeilspäne. Plötzlich hat jeder einen Druckauftrag. Plötzlich will jeder die­ses eine Ding, das man doch bestimmt kurz aus­dru­cken kann. Ich habe ange­fan­gen, pro­fes­sio­nel­le Kalkulationen zu erstel­len. Das klingt über­trie­ben. Das ist es nicht. Es soll fair sein – für bei­de Seiten. Also beschäf­tig­te ich mich neben­bei mit Tabellenkalkulation, Automation und Angebotserstellung ohne Gewinnerzielungsabsicht, aber mit der Absicht nicht draufzuzahlen.

Aber ich woll­te mehr als nütz­li­che Dinge für ande­re. Mehr als eine wei­te­re Skulptur im Schrank. Ich woll­te ein Projekt. Eins, das mich for­dert. Eins mit beweg­li­chen Teilen, mit Elektronik, mit dem befrie­di­gen­den Gefühl, dass am Ende etwas läuft, leuch­tet und Geräusche macht. Idealerweise alles drei gleichzeitig.

Die Entdeckung

Auf Makersworld.com fand ich sie: eine 360°-drehbare, beleuch­te­te Murmelbahn, kom­plett geschlos­sen, mit Plexiglasröhre und Motor. Und das Schöne dar­an: Es gibt ein soge­nann­tes Maker’s Supply – ein Paket mit allen Teilen, die man eben nicht dru­cken kann.

59,07 €. Eine krum­me Summe, die ich als kos­mi­sches Zeichen deu­te­te und für die ich begeis­tert die Bestellung auf­ge­ge­ben habe.

Wenige Tage spä­ter hielt ich das Paket von Bambu Lab in den Händen. Motor. LED-Beleuchtung. Steuerplatine. Potenziometer. Lager und Schneckengetriebe. Stahlkugeln und Messingstifte. Eine robus­te Acrylröhre. Und ganz unten im Tütchen: SH1.0‑Kabelstecker. Klein wie Reiskörner. Harmlos wie eine Zeitbombe.

Der Druck: Holz, das nach Holz riecht

Für das Filament hat­te ich mir Bambu Lab PLA Wood besorgt. Ein Material, das Holzpartikel ent­hält, wie Holz aus­sieht, sich wie Holz anfühlt – und beim Drucken einen Geruch ver­strömt wie eine frisch geöff­ne­te Tischlerei. Angenehm. Würzig. Beharrlich.

In der ers­ten Nacht erfüll­te die­ser Geruch die gan­ze Wohnung. In der zwei­ten auch noch. Conny fand das zunächst charmant.

Sechzehn Stunden und meh­re­re Druckplatten spä­ter lagen 330 Gramm selbst gedruck­te Einzelteile vor mir, bereit für die Verarbeitung. Ich war bereit für das Wochenende. Ich hat­te kei­ne Ahnung, was auf mich zukam.

Die Elektronik: Filigran ist ein Euphemismus

Die Anleitung war her­vor­ra­gend. Ich war es nicht.

Die SH1.0‑Kabelstecker sind so klein, dass ich mir ernst­haft die Frage gestellt habe, für wen die­ses Format ent­wi­ckelt wur­de. Für Uhrmacher? Für Menschen, die im Nebenjob Schiffe in Flaschen bau­en? Ich jeden­falls gehö­re mit mei­ner chro­ni­schen Ungeduld nicht zur Zielgruppe.

Meine Finger taten, was sie konn­ten – was nicht viel war. Meine Augen wei­ger­ten sich, zu ent­schei­den, in wel­che Richtung der Stecker gehört. Und mein Gehirn befand sich an jenem Samstagmorgen in einem Zustand, den ich höf­lich als sub­op­ti­mal beschrei­ben würde.

Eine hal­be Stunde und meh­re­re Flüche spä­ter – ich schät­ze, es war eine Hogwarts-wür­di­ge Kollektion – saßen die Kabel. Motor, Schalter, Potenziometer und Leuchtmittel waren an der Verteilerplatine fixiert. Mit klei­nen Schrauben. Mit win­zi­gen Schrauben. Mit Schrauben, die mei­ne güns­ti­gen Schraubendreher-Köpfe schleif­ten wie Sandpapier auf Kreide.

Opa hat­te recht. Wer bil­lig kauft, kauft zwei­mal. Ein fili­gra­ner Inbus-Schlüssel ret­te­te die Situation in letz­ter Sekunde, und das Teilprojekt Elektronik-Montage fand ein Ende, das ich – bei allem Drama – als erfolg­reich bezeich­nen darf.

Kugeln rein. Schalter an.

Dann kam der Rest. Leuchtmittel durch die Säule schie­ben. Säule an der Basis befes­ti­gen. Kugelbahnen ein­set­zen. Es ist alles ein biss­chen fum­me­lig, aber irgend­wie zufrie­den­stel­lend. Das fer­ti­ge Ergebnis sah fan­tas­tisch aus.

Kugeln rein. Schalter an.

Motor dreht. Die Röhre leuch­tet kräf­tig. Die Kugeln set­zen an – und blei­ben stecken.

Was folg­te, möch­te ich nicht in allen Einzelheiten schil­dern. Es war laut. Es war krea­tiv. Die Nachbarn haben sich nicht gemel­det, aber ich ver­mu­te, das war eine bewuss­te Entscheidung.

Nach dem Fluch-Ausbruch setz­te die Ursachenforschung ein. Und sie offen­bar­te etwas, das ich als Neuling im 3D-Druck schlicht nicht auf dem Schirm hat­te: Ich hat­te mit einer Schichthöhe von 0,2 mm gedruckt. Das ist für die meis­ten Objekte voll­kom­men in Ordnung – für eine Kugelbahn jedoch bedeu­tet es fei­ne, quer ver­lau­fen­de Rillen auf der Lauffläche. Und Stahlkugeln, die über Rillen rol­len sol­len, rol­len eben nicht. Sie hol­pern. Sie stop­pen. Sie regen mich auf.

Eine Session mit Feile und Sandpapier brach­te Verbesserung, aber kei­ne Lösung. Die Erkenntnis war unaus­weich­lich, auch wenn sie schmerzte:

Die Bahnen müs­sen neu gedruckt wer­den. Dieses Mal mit 0,08 mm Schichthöhe.

Runde zwei: Glatt, aber feucht

Sechs Stunden spä­ter, 40 Gramm Filament ärmer, hielt ich neue Bahnen in den Händen. Glatt. Wirklich glatt. Keine Rillen, kei­ne Stufen, ein­fach nur eine Oberfläche, über die eine Kugel glei­ten wür­de wie über Glas. Ich war stolz.

Und dann sah ich den Kugelverteiler.

Das Filament war feucht gewe­sen. Bei 0,08 mm Schichthöhe ver­zeiht das Drucken gar nichts – die Oberfläche zeig­te ris­si­ge Stellen, gar­niert mit einem Gespinst fei­ner Fäden, als hät­te eine über­am­bi­tio­nier­te Spinne Nachtschicht ein­ge­legt. Es sah aus wie ein sehr klei­nes Geisterschloss.

Filament trock­nen. Noch ein­mal dru­cken. Dritter Versuch, Sonntagmittag. Und dies­mal: perfekt.

Und die Besessenheit schlug aber­mals zu. Noch am sel­ben Tag wur­de ein Filament-Trockner bestellt. Jaaahaa. Ich weiß, dass der AMS 2 Pro, von dem mitt­ler­wei­le zwei im Haushalt leben und ein drit­ter im März gelie­fert wird, trock­nen kann. Aber nicht wäh­rend des Drucks… Und des­we­gen muss­te… Ach, ich rede es mir schön. Doch wäh­rend ich die Zeilen schrei­be, steht der Creality SpacePi X4 bereits neben den 3D-Druckern und durf­te schon ein­mal zei­gen, was er kann. Einmal. Ob die Anschaffung wirk­lich nötig war? Ja, nein… Aber dar­um geht es ja nicht in die­sem Beitrag…

Surren. Leuchten. Klackern.

Ein Motor surrt lei­se.
Eine Röhre leuch­tet hell.
Stahlkugeln kla­ckern ihren Weg nach oben, kip­pen über, bah­nen sich ihren Weg.
Und begin­nen von vorn.

Ich ließ mich auf die Couch fal­len und schau­te ein­fach zu.

Es gibt etwas zutiefst Befriedigendes dar­an, ein Ding zu beob­ach­ten, das man selbst gebaut hat – Schicht für Schicht gedruckt, Stecker für Stecker geflucht, Schraube für Schraube fixiert. Das Klackern der Kugeln ist nicht irgend­ein Klackern. Es ist mein Klackern. Verdient durch weit über sech­zehn Stunden Druckzeit, drei Druckdurchläufe, einen geop­fer­ten Schraubendreher-Satz und die Bezwingung von Zorn, wenn mal wie­der alles nicht so woll­te, wie es sollte.

Was ich mitgenommen habe – und warum das hier erst der Anfang ist

Stephan und 3D-Druck? Vor weni­gen Wochen undenk­bar.
Stephan und Elektronik-Basteln? Kategorisches No-Go.
Stephan, der ein Projekt mit Schneckengetriebe, Steuerplatine und selbst gedruck­ten Mechanikteilen zu Ende bringt und dabei grinst wie ein Kind an Heiligabend?

Hier sit­ze ich.

Die Lektionen die­ses Wochenendes: Schichthöhe ist kei­ne kos­me­ti­sche Entscheidung, son­dern Physik. Feuchtes Filament ist kein Mythos, den Anfänger sich ein­bil­den. Günstiges Werkzeug ist ein teu­rer Irrtum. Und PLA Wood riecht wun­der­bar – auch beim drit­ten Druckdurchlauf noch, was Conny mitt­ler­wei­le mit stoi­scher Würde erträgt.

Das Modell gibt es auf Makersworld. Das Maker’s Supply im Bambu Store. Meine Empfehlung: unbedingt.

Und jetzt über­le­ge ich, wel­ches Projekt als nächs­tes kommt.

Wer es selbst dru­cken möch­te und sich Gedanken um die Kosten macht: Die Druckzeit von 16h mit ca. 350 g Filament Bambu Lab PLA Wood/Basic liegt bei 12,– €. Wenn du mit 0,08 mm Schichthöhe druckst, wird es auf­grund der län­ge­ren Druckzeit etwas mehr. Zuzüglich 59,07 € für das Maker’s Supply. Verschleiß‑, Instandhaltungs- und Wartungskosten soll­ten mit ca. 23,– € ange­rech­net wer­den, wenn man es als kos­ten­de­ckend zur Weitergabe in der Familie plant. So kommt man in Summe auf etwa 94,- € ohne die Arbeitszeit ein­ge­rech­net zu haben.


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