
Wer in einer Coachausbildung steckt, begegnet dem SMART-Modell früher oder später unvermeidlich – und das zu Recht. Denn hinter dem einprägsamen Kürzel verbirgt sich eine der wirkungsvollsten Methoden, um aus vagen Wünschen konkrete, erreichbare Ziele zu machen. Dieser Artikel führt dich durch Geschichte, Theorie und Praxis der SMART-Formel, sodass du sie im Coaching souverän und situationsgerecht einsetzen kannst.
Wo kommt SMART her? Ein kurzer Blick in die Geschichte
Obwohl das SMART-Konzept heute fester Bestandteil von Coaching, Management und Personalentwicklung ist, reichen seine Wurzeln in die angewandte Organisationsforschung zurück. Als Urheber gilt weitgehend George T. Doran, der das Akronym 1981 im Fachmagazin Management Review vorstellte. In seinem Artikel beschrieb er, wie Führungskräfte Ziele so formulieren sollten, dass sie messbar und kommunizierbar werden.
Doran stand dabei nicht im luftleeren Raum. Er baute auf den Arbeiten von Peter Drucker auf, dessen Konzept des Management by Objectives (MbO) bereits in den 1950er-Jahren dafür warb, Führung konsequent an gemeinsam vereinbarten Zielen auszurichten. Drucker erkannte: Was nicht klar benannt ist, kann nicht gesteuert werden.
Parallel dazu entwickelten die Motivationspsychologen Edwin Locke und Gary Latham in den 1960er bis 1990er Jahren ihre einflussreiche Goal-Setting-Theory. Ihre zentralen Befunde aus Hunderten empirischer Studien: Spezifische, herausfordernde Ziele führen zu deutlich besserer Leistung als allgemeine „Tu-dein-Bestes“-Anweisungen – vorausgesetzt, die Person akzeptiert das Ziel und erhält regelmäßiges Feedback. Die SMART-Kriterien lassen sich als direkte operative Umsetzung dieser Theorie verstehen.
Im Coaching hielt SMART ab den späten 1980er-Jahren Einzug, insbesondere durch die Verbreitung des GROW-Modells von John Whitmore. Das „G“ in GROW steht für Goal – und Whitmore betonte, ein Ziel müsse sowohl inspirieren als auch konkret greifbar sein. Seitdem ist SMART aus keiner seriösen Coaching-Toolbox wegzudenken.
Was bedeutet SMART eigentlich genau?
Das Akronym steht für fünf Qualitätskriterien, die ein Ziel erfüllen sollte. Obwohl sich über die Jahre verschiedene Varianten eingebürgert haben (manchmal findet man auch „A“ für Achievable oder „R“ für Relevant), arbeiten wir hier mit der im deutschsprachigen Coaching gebräuchlichsten Lesart:
| S | Spezifisch | Das Ziel ist klar und präzise formuliert. Es beantwortet die Fragen: Was genau soll erreicht werden? Wer ist beteiligt? Wie findet es statt? Unklarheit und Mehrdeutigkeit werden bewusst vermieden. |
| M | Messbar | Der Fortschritt und die Zielerreichung sind quantitativ oder qualitativ überprüfbar. Es gibt klare Kriterien, an denen erkennbar wird: „Haben wir es geschafft?“ Messbarkeit schafft Verbindlichkeit und ermöglicht ehrliches Feedback. |
| A | Attraktiv | Das Ziel muss für die Person, die es verfolgt, tatsächlich erstrebenswert sein. Es ist mit einem inneren Antrieb verknüpft, nicht nur mit äußerem Druck. Im Coaching ist dies ein zentraler Hebel: Ein Ziel, das nicht wirklich gewollt wird, wird auch nicht konsequent verfolgt – oder nur, weil es gefordert wird. |
| R | Realistisch | Das Ziel ist im gegebenen Rahmen erreichbar – mit den vorhandenen oder erwerbbaren Ressourcen, dem verfügbaren Zeitrahmen und den bestehenden Rahmenbedingungen. Realistisch bedeutet nicht „unambitioniert“, sondern „herausfordernd, aber machbar“. |
| T | Terminiert | Das Ziel hat einen klaren zeitlichen Rahmen: einen Endtermin und ggf. Zwischenmeilensteine. Ein Ziel ohne Frist ist ein Wunsch. Der Termin erzeugt einen natürlichen Handlungsdruck und ermöglicht eine strukturierte Planung. |
Warum SMART im Coaching mehr ist als ein Schema F
Es wäre ein Missverständnis, SMART als Selbstzweck zu behandeln – als würde das korrekte Ausfüllen einer Zielvorlage automatisch Veränderung erzeugen. Die eigentliche Kraft des Modells liegt in dem Prozess, der entsteht, wenn du als Coach gemeinsam mit deinem Coachee ein Ziel nach SMART formulierst.
Dieser Prozess leistet mehreres gleichzeitig:
- Klärung: Vage Formulierungen wie „Ich will mehr verkaufen“ werden aufgebrochen. Der Coachee muss sich fragen, was genau er unter Erfolg versteht – und das ist oft schon der erste wertvolle Moment.
- Verpflichtung: Indem der Coachee ein Ziel in eigenen Worten konkretisiert, übernimmt er Eigenverantwortung. Du als Coach formulierst nicht für ihn, sondern begleitest den Formulierungsprozess.
- Überprüfbarkeit: SMART-Ziele schaffen eine gemeinsame Basis für Reflexion. In folgenden Sitzungen kannst du gezielt fragen: Wo stehst du im Vergleich zur letzten Sitzung? Was hat dich dem Ziel näherprobracht?
- Motivation: Das Kriterium „Attraktiv“ ist aus Sicht der Motivationspsychologie entscheidend. Es zwingt zur Frage: Ist das wirklich mein Ziel – oder das Ziel, das andere von mir erwarten?
Praxistipp für die Coachausbildung: Übe SMART-Zielformulierungen zunächst mit einfachen, alltäglichen Beispielen aus dem eigenen Leben, bevor du sie im Coaching einsetzt. Das schärft dein Gefühl für den Unterschied zwischen einem wirklich SMART-formulierten Ziel und einem, das nur oberflächlich so wirkt.
Die fünf Kriterien im Detail
S – Spezifisch: Präzision schlägt Beliebigkeit
Unspezifische Ziele laden das Gehirn dazu ein, sich die einfachste Erklärung zu suchen, warum das Ziel noch nicht erreicht wurde. „Ich will besser kommunizieren“ – was heißt das? Mit wem? In welchen Situationen? Woran würde es sichtbar?
Spezifität erfordert keine Überformalisierung. Aber sie verlangt, dass Coachee und Coach dieselbe mentale Landkarte haben, wenn sie über das Ziel sprechen. Ein hilfreicher Test: Wenn du das Ziel einer unbeteiligten Person erklärst – würde sie sofort verstehen, was gemeint ist?
Nützliche Fragen im Coaching:
„Was genau möchtest du erreichen?“
„Wer ist an diesem Ziel beteiligt?“
„Kannst du mir das Ziel so beschreiben, als würdest du einer fremden Person erklären, was du vorhast?“
M – Messbar: Was du nicht messen kannst, kannst du nicht managen
Messbarkeit ist nicht zwingend quantitativ. Natürlich ist es einfach, wenn das Ziel eine Zahl enthält: „Mindestens 80 % Ansprache.“ Aber auch qualitative Veränderungen lassen sich messbar machen, wenn klare Indikatoren definiert werden: „Ich führe das schwierige Gespräch mit einem dominanten Kunden und halte dabei meine kräftige Stimme bei, stelle Fragen und verlasse das Gespräch, ohne das Gefühl, klein beigegeben zu haben.“
Als Coach hilfst du deinem Coachee, solche konkrete Gradmesser zu benennen. Das ist eine handwerkliche Fähigkeit, die du in der Ausbildung gezielt trainieren solltest.
Nützliche Fragen:
„Woran wirst du erkennen, dass du dein Ziel erreicht hast?“
„Welche konkreten Zahlen, Fakten oder Beobachtungen zeigen dir Fortschritt?“
„Was ist der Unterschied zwischen dem jetzigen Zustand und dem Zielzustand – ganz konkret beschrieben?“
A – Attraktiv: Intrinsische Motivation als Treibstoff
Dies ist das oft unterschätzte Herzstück des SMART-Modells. Keine noch so clever formulierte Zielbeschreibung hilft, wenn dein Gegenüber das Ziel im Grunde gar nicht will – weil es vom Chef, Partner oder Umfeld gefordert wird.
Das Kriterium „Attraktiv“ lädt dich als Coach ein, hinter das formulierte Ziel zu schauen. Was ist der tiefere Wunsch? Was steht auf dem Spiel? Warum ist das Ziel es wert, verfolgt zu werden? Hier verbindet sich SMART mit tieferen Coachingansätzen wie dem Werte-Coaching oder der lösungsorientierten Arbeit.
Ein Ziel ist dann attraktiv, wenn das Gegenüber bei der Beschreibung des Zielzustands in eine lebhafte, vorwärtsgerichtete Energie kommt – nicht wenn er pflichtbewusst nickt.
Nützliche Fragen:
„Was bedeutet es dir, dieses Ziel zu erreichen?“
„Wer bist du, wenn du dieses Ziel lebst?“
„Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie sehr willst du dieses Ziel wirklich?“
Warum „Attraktiv“ das Zünglein an der Waage ist
Stell dir vor, dein Gesprächspartner formuliert ein Ziel, das spezifisch, messbar, realistisch und terminiert ist – aber ihn innerlich kalt lässt. Er verfolgt es, weil er soll, nicht weil er will. Was passiert? Spätestens bei der ersten Schwierigkeit bricht die Motivation ein. Das Ziel stirbt in der Schublade.
Genau hier liegt die eigentliche Arbeit im Coaching: nicht im Ausfüllen einer Zielmatrix, sondern im Aufspüren echter innerer Antriebe. Die Motivationspsychologie unterscheidet dabei zwei Grundformen: intrinsische Motivation – der Antrieb kommt von innen, aus Interesse, Werten oder dem Erleben von Kompetenz – und extrinsische Motivation, die von äußeren Reizen wie Belohnung, Anerkennung oder Vermeidung von Konsequenzen gesteuert wird. Beides hat seine Berechtigung, aber: Langfristige Verhaltensänderung trägt sich am besten durch intrinsische Motivation.
Als Coach hast du konkrete Methoden an der Hand, um herauszufinden, ob ein Ziel wirklich attraktiv ist – und um aus einem fremdbestimmten Soll ein eigenverantwortliches Wollen zu machen.
Methoden, um Attraktivität im Coaching herauszuarbeiten
Methode 1: Die Skalierungsfrage zur Motivationstiefe
Eine einfache, aber verblüffend ehrliche Technik aus der lösungsorientierten Kurztherapie. Du bittest dein Gegenüber, sein Wollen auf einer Skala von 1 bis 10 einzuschätzen – und arbeitest dann mit der Lücke.
So wendest du sie an:
„Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie sehr willst du dieses Ziel wirklich? Nicht wie sehr du es dir wünschst, sondern wie sehr du bereit bist, dafür etwas zu tun.“
Liegt die Antwort unter 7, lohnt sich die Folgefrage: „Was müsste anders sein, damit du eine 8 oder 9 erreichst?“ Diese Frage öffnet den Raum für das eigentliche Ziel hinter dem Ziel.
Methode 2: Das „Warum“ hinter dem Warum – die 5‑Warum-Technik
Ursprünglich aus dem Lean Management bekannt, lässt sich diese Technik wunderbar im Coaching nutzen, um von der Oberfläche eines Ziels zu seinem eigentlichen Kern vorzudringen. Frage fünfmal (in Variationen) nach dem Grund – bis du auf einen Wert oder einen tiefen persönlichen Antrieb stößt.
So wendest du sie an:
„Du sagst, du willst mehr Abschlüsse. Warum ist dir das wichtig?“
→ Antwort → „Und warum ist das wichtig für dich?“
→ Antwort → „Was steckt noch dahinter?“
Spätestens bei der dritten oder vierten Antwort verlässt dein Coachee die sozial erwünschten Standardantworten und kommt bei dem an, was wirklich zählt.
Methode 3: Die Zielzustand-Imagination („Was-wenn“-Technik)
Diese Methode stammt aus dem NLP und der hypnosystemischen Arbeit. Du lädst dein Gegenüber ein, sich lebhaft vorzustellen, das Ziel sei bereits erreicht – und beobachtest seine emotionale Reaktion. Augen, Körperhaltung, Stimme verändern sich – oder eben nicht. Das gibt dir wertvolle Informationen.
So wendest du sie an:
„Stell dir vor, es ist in 4 Wochen. Du schaust auf dein Ergebnis und siehst: Du hast es geschafft. Was siehst du? Was hörst du um dich herum? Wie fühlt sich das an?“
Wenn dein Coachee in dieser Imagination auflebt, ist das Ziel attraktiv. Wenn er zögert oder die Vorstellung flach bleibt, ist Nacharbeit nötig: „Was fehlt noch, damit dieses Bild wirklich leuchtet?“
Methode 4: Werte-Abgleich
Ziele, die im Einklang mit den eigenen Werten stehen, erzeugen nachhaltige Energie. Ziele, die Werten widersprechen, erzeugen inneren Widerstand – oft unbewusst. Ein kurzer Werte-Abgleich macht sichtbar, ob das Ziel zum Klienten passt.
So wendest du sie an:
„Was ist dir in deiner Arbeit wirklich wichtig – in deinem Innersten?“
Nachdem du 3–5 Werte identifiziert hast: „Welcher dieser Werte steckt in dem Ziel, das du dir gesetzt hast? Welcher wird vielleicht verletzt?“
Das Ziel darf dann ggf. angepasst werden, bis es wertekongruent ist.
Praxisbeispiel: Lars
Lars, 26, Outbound-Agent im Mobilfunkvertrieb. Sein erster Impuls war: „Ich will einfach besser werden.“ Dahinter steckt noch kein Antrieb – nur eine Formulierung, die sich nach dem richtigen Ziel anfühlt, ohne es zu sein. Als Coach setzt du die 5‑Warum-Technik kombiniert mit der Skalierungsfrage ein.
Gesprächsausschnitt: Attraktivität herausarbeiten
Coach: „Lars, du sagst, du willst mehr Abschlüsse machen. Auf einer Skala von 1 bis 10 – wie sehr willst du das wirklich? Nicht wie sehr du es dir wünschst, sondern wie bereit du bist, dafür etwas zu ändern.“
Lars: „Hm. Ehrlich gesagt… vielleicht eine 6. Der Druck von oben nervt mich eigentlich eher.“
Coach: „Danke für deine Ehrlichkeit. Was müsste anders sein, damit das eine 8 oder 9 wird?“
Lars: „Wenn ich das Gefühl hätte, dass ich es für mich mache, nicht weil mir mein Teamleiter im Nacken sitzt.“
Coach: „Und was wäre das für dich – es für dich zu tun? Was steckt dahinter?“
Lars: „Ich will wissen, dass ich gut bin in dem, was ich tue. Nicht mittelmäßig.“
Coach: „Was bedeutet es für dich, gut zu sein? Was ändert sich in deinem Alltag, wenn du weißt: ich bin richtig gut in meinem Job?“
Lars: „Ich gehe mit einem anderen Gefühl nach Hause. Ich rede anders über meinen Job. Ich will nicht mehr sagen, dass ich ‘nur’ im Callcenter arbeite.“
Was gerade passiert ist: Lars hat sein eigentliches Ziel gefunden – es geht nicht um Abschlussquoten, sondern um Selbstwirksamkeit und Identität. Er will mit Stolz auf seine Arbeit blicken. Das ist sein wirklicher Antrieb. Alle weiteren SMART-Kriterien werden nun auf diesen Kern ausgerichtet – und das Ziel bekommt Zugkraft.
Im nächsten Schritt kombinierst du diese Erkenntnis mit der Zielzustand-Imagination:
Zielzustand-Imagination mit Lars
Coach: „Stell dir vor, es ist Freitagnachmittag in 4 Wochen. Du schaust auf deine Tagesauswertung. Was siehst du?“
Lars: „Ich sehe meine Quote. Sie ist deutlich besser als heute.“
Coach: „Und wie fühlt sich das an, während du draufschaust?“
Lars: „… Stolz. Ich glaube, ich würde wirklich stolz sein.“ (lächelt)
Coach: „Das ist dein Ziel. Nicht die 30 Prozent – das Gefühl auf dem Weg dorthin. Die Zahl ist nur der Beweis.“
Genau dieser Moment ist der Dreh- und Angelpunkt. Das Ziel hat nun einen emotionalen Kern. Die Abschlussquote ist nicht mehr eine Kennzahl, die der Teamleiter im Blick hat – sie ist für Lars der sichtbare Beweis seiner eigenen Kompetenz. Das ist Attraktivität im coaching-psychologischen Sinne.
Merksatz für die Praxis
Ein Ziel ist dann wirklich attraktiv, wenn dein Coachee beim Beschreiben des Zielzustands in eine vorwärtsgerichtete, lebendige Energie kommt – wenn sich Körpersprache und Stimme verändern. Das ist ein beobachtbares Signal. Lerne, darauf zu achten.
R – Realistisch: Die Kunst der herausfordernden Erreichbarkeit
Realistisch zu sein bedeutet nicht, klein zu denken. Die Goal-Setting-Forschung von Locke und Latham zeigt klar: Herausfordernde Ziele motivieren mehr als leichte Ziele – aber nur, wenn die Person glaubt, sie seien erreichbar (das sogenannte „self-efficacy“ nach Albert Bandura spielt hier eine Schlüsselrolle).
Als Coach prüfst du gemeinsam mit dem Coachee: Sind die notwendigen Ressourcen vorhanden oder erlernbar? Sind die Rahmenbedingungen förderlich? Gibt es vergleichbare Erfolge in der Vergangenheit, auf die er sich stützen kann?
Gleichzeitig ist das „R“ eine Einladung zur ehrlichen Bestandsaufnahme. Manchmal braucht es Mut vom Coach, sanft zu spiegeln, dass ein Ziel in der genannten Form und im genannten Zeitrahmen unrealistisch erscheint – nicht um zu entmutigen, sondern um eine solide Basis für echten Erfolg zu schaffen.
Nützliche Fragen:
„Welche Ressourcen, Fähigkeiten und Unterstützung hast du bereits?“
„Was hat dich in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen erfolgreich gemacht?“
„Was könnte dich daran hindern – und wie kannst du damit umgehen?“
T – Terminiert: Verbindlichkeit durch Zeit
Der Termin verwandelt ein Ziel von einer Absicht in eine Verpflichtung. Das Parkinson’sche Gesetz besagt, dass Arbeit sich genau auf die Zeit ausdehnt, die man ihr zur Verfügung stellt. Ohne Frist gibt es keinen natürlichen Abschlussmoment – und damit keinen Moment, an dem Erfolg gefeiert oder aus Scheitern gelernt werden kann.
Im Coaching empfiehlt es sich, nicht nur einen Gesamttermin zu definieren, sondern auch Meilensteine, die als Zwischenprüfpunkte dienen. Das schafft Orientierung und ermöglicht es, bei Bedarf die Strategie anzupassen.
Nützliche Fragen:
„Bis wann möchtest du dieses Ziel erreicht haben?“
„Was soll bis in zwei Wochen, bis in einem Monat konkret passiert sein?“
„Woran merkst du in vier Wochen, dass du auf dem richtigen Kurs bist?“
5. Praxisbeispiel: SMART im Callcenter
Um zu zeigen, wie lebendig und wirkungsvoll SMART in der Praxis ist, verlassen wir die abstrakte Theorie und tauchen in ein konkretes Szenario ein: Du coachst einen Mitarbeiter im Outbound-Telefonvertrieb eines Mobilfunkunternehmens. Die Aufgabe: Bestandskunden aktiv sowie motiviert anzurufen und auf neue Tarife upzugraden.
Coaching-Situation
Der Klient: Lars, 26 Jahre, seit 8 Monaten im Outbound-Team. Technisch solide, aber kämpft mit Ablehnung und verliert nach der Mittagspause regelmäßig seine Gesprächsenergie. Sein Teamleiter hat ihn zum Coaching angemeldet, weil die Abschlussquote in den letzten sechs Wochen gesunken ist.
Im ersten Gespräch formuliert Lars sein Ziel so:
❌ Nicht SMART – erstes Statement: „Ich will einfach besser werden und mehr Abschlüsse machen.“
Als Coach begleitest du Lars durch den SMART-Prozess. Nach dem Gespräch lautet das Ziel:
✅ SMART-formuliertes Ziel:„Ich werde in den nächsten zwei Wochen meine persönliche Abschlussquote im Nachmittags-Slot (12–15 Uhr) von aktuell 11 % auf 20 % steigern, indem ich nach der Mittagspause eine 5‑minütige Einstimmungsroutine einführe und nach jedem Nein ein kurzes mentales Reset-Ritual nutze, das wir im Coaching erarbeitet haben. Ich will nicht nur Ruhe vorm Teamleiter haben, sondern mir selbst beweisen, dass ich gut bin und stolz auf mich sein. Schließlich habe ich das schon mal geschafft. Und ich freue ich in zwei Wochen die Umsetzung zu erreichen. Dafür erhalte ich nach drei Tagen ein Zwischenfeedback zur Unterstützung.“
Schauen wir uns an, wie jedes SMART-Kriterium in diesem Beispiel erfüllt wird:
| Kriterium | Frage im Coaching | Ergebnis im Beispiel |
|---|---|---|
| S – Spezifisch | „In welchen Situationen genau verlierst du deine Energie?“ | Fokus auf den Nachmittags-Slot, konkrete Verhaltensänderung (Einstimmungsroutine, Reset-Ritual) |
| M – Messbar | „Woran würdest du erkennen, dass es besser läuft?“ | Abschlussquote steigt von 11 % auf 20 % – tägliche Information über den Coach |
| A – Attraktiv | „Was bedeutet das für dich persönlich, wenn du nach Feierabend auf dein Ergebnis schaust?“ | Lars verbindet das Ziel mit dem Wunsch nach Selbstwirksamkeit und seiner eigenen Überzeugung, dass er gut sein kann – nicht nur mit dem Druck des Teamleiters |
| R – Realistisch | „Was hast du in der Vergangenheit schon gut gemacht, das dir helfen kann?“ | Lars hatte in Woche 3 nach Onboarding 21 % Abschlussquote – er weiß, dass er es kann. 20 % sind aktuell herausfordernd, aber belegbar erreichbar. |
| T – Terminiert | „Bis wann soll das Ziel erreicht sein, und wann schauen wir uns gemeinsam den Stand an?“ | Gesamtziel: zwei Wochen. Erster Check nach drei Tagen, um die Routine zu bewerten. |
Coaching-Hinweis: Beachte, wie Lars’ formuliertes Ziel sein Ziel ist – nicht das des Teamleiters. Die Formulierung „indem ich…“ zeigt Handlungsautonomie. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis gezielter Fragen nach Eigenverantwortung und innerer Motivation. Als Coach gibst du hier nicht das Wie vor – du hilfst Lars, es selbst zu finden.
Typische Fehler bei SMART und wie du sie vermeidest
wie du sie vermeidest
Fehler 1: Das Ziel kommt vom Coach, nicht vom Coachee.
Wenn du als Coach die SMART-Kriterien abarbeitest und dabei die Antworten implizit vorformulierst, verlierst du die wichtigste Ressource: die intrinsische Motivation des Coachees. Stelle offene Fragen und warte auf echte Antworten – auch und gerade wenn es länger dauert.
Fehler 2: „Realistisch“ wird mit „klein“ verwechselt.
Manche Coaches bremsen unbewusst ihre Gesprächspartner, weil sie selbst die großen Erwartungen bei der Zielsetzung als Naivität interpretieren. Die Forschung zeigt: Große Ziele motivieren mehr – solange der Eigner der Ziele an ihre Machbarkeit glaubt. Deine Aufgabe ist nicht Realitätsprüfung, sondern Ressourcenorientierung.
Fehler 3: SMART als einmaliges Ritual statt als lebendes Dokument.
Ein SMART-Ziel, das einmal formuliert und dann in der Schublade verschwindet, ist wertlos. Bring das Ziel in jeder Folgesitzung mit ein. Lass den Coachee berichten, was sich verändert hat – und passe das Ziel bei Bedarf an.
Fehler 4: Das „A“ wird übersprungen.
Spezifisch, Messbar, Realistisch und Terminiert – das sind die technisch einfacheren Kriterien. Das Kriterium „Attraktiv“ verlangt echtes Eintauchen in die Motivation, Werte und den Lebenskontext des Coachees. Es ist kein Zufall, dass viele SMART-Anleitungen hier am oberflächlichsten bleiben. Investiere gerade hier deine Coaching-Kompetenz.
SMART weiterdenken: Grenzen des Modells und Erweiterungen
So nützlich SMART ist – es ist kein Allheilmittel. Einige Kritiker weisen zurecht darauf hin, dass das Modell dazu verleiten kann, nur messbare Ziele zu verfolgen und qualitative Entwicklungen, die sich nicht in Zahlen fassen lassen, zu vernachlässigen.
Für die Coachingpraxis empfehlen sich deshalb ergänzende Perspektiven:
- WOOP-Modell (Gabriele Oettingen): Wish – Outcome – Obstacle – Plan. Ergänzt SMART um die Arbeit mit inneren Hindernissen – besonders wertvoll, wenn Klienten trotz klarer Ziele ins Stocken geraten.
- Eco-SMART: Fügt die Dimension „Ecological“ hinzu – also die Frage, wie das Ziel auf das soziale Umfeld, Beziehungen und Werte des Klienten wirkt. Im systemischen Coaching unverzichtbar.
- OKR-Framework (Objectives & Key Results): Aus dem agilen Management stammend, trennt OKR inspirierend formulierte Ziele (Objectives) von messbaren Erfolgskriterien (Key Results) – eine sinnvolle Ergänzung im Persönlichkeits-Coaching.
Als Coach in Ausbildung musst du das alles noch nicht beherrschen. Aber es ist gut, zu wissen: SMART ist ein exzellenter Ausgangspunkt, nicht das letzte Wort.
Das WOOP-Modell: Wenn der Weg zum Ziel auch durch Hindernisse führt
WOOP wurde von der Motivationspsychologin Gabriele Oettingen an der New York University entwickelt und durch jahrelange empirische Forschung belegt. Die zentrale Erkenntnis dahinter ist so simpel wie provokant: Positive Vorstellungen allein reichen nicht. Wer sich nur ausmalt, wie schön das Ziel wäre, verliert paradoxerweise an Antrieb – weil das Gehirn die Vorstellung bereits als Realität behandelt.
Wirksam wird die Zielarbeit erst, wenn du den Wunsch mit einem nüchternen Blick auf konkrete innere Hindernisse kombinierst und dann einen klaren Plan für genau diese Hindernisse formulierst. Das nennt Oettingen Mental Contrasting with Implementation Intentions – WOOP ist die praktische Kurzform davon.
| W | Wish – der Wunsch | Was möchtest du erreichen? Der Wunsch wird knapp und positiv formuliert – ein Satz, der den Klienten anspricht und ihm wichtig ist. |
| O | Outcome – das beste Ergebnis | Was wäre das Beste, was passieren könnte, wenn der Wunsch in Erfüllung geht? Hier wird die positive Zukunftsvorstellung bewusst und lebendig ausgemalt – aber nur als erster Schritt, nicht als Endpunkt. |
| O | Obstacle – das innere Hindernis | Was könnte dich innerlich daran hindern? Nicht äußere Umstände, sondern eigene Gedanken, Gefühle, Gewohnheiten oder Reaktionsmuster stehen hier im Fokus. Das ist der entscheidende Unterschied zu klassischem positivem Denken. |
| P | Plan – der Wenn-dann-Plan | Eine konkrete Wenn-dann-Formulierung: „Wenn [Hindernis auftritt], dann [tue ich genau das].“ Dieser Automatismus verankert das neue Verhalten im Voraus und reduziert den Entscheidungsaufwand im entscheidenden Moment. |
Lars im Einsatz: WOOP im Callcenter-Alltag
Lars hat sein SMART-Ziel formuliert. Aber nach wenigen Tagen zeigt sich ein bekanntes Muster: Nach jedem dritten Nein in Folge tritt er mental auf die Bremse, wartet lieber auf das nächste Gespräch, scrollt im Handy. Das Ziel ist klar – aber das Hindernis ist es noch nicht. Hier setzt WOOP an.
WOOP mit Lars – Schritt für Schritt
WISH: Lars benennt seinen Wunsch in einem Satz: „Ich will auch nach mehreren Absagen am Stück stark und fokussiert bleiben.“
OUTCOME: Der Coach lädt Lars ein, das beste Ergebnis lebendig auszumalen: „Ich wähle die nächste Nummer direkt ohne Nacharbeit, höre ruhig zu und führe ein echtes Gespräch. Am Ende des Tages bin ich zufrieden – nicht weil jeder Ja gesagt hat, sondern weil ich durchgehalten habe.“
OBSTACLE: Jetzt kommt der entscheidende Schritt. Der Coach fragt: „Was passiert innerlich, wenn das dritte Nein kommt?“ Lars antwortet ehrlich: „Ich sage mir: ‘Die wollen das sowieso nicht. Ich bin zu aufdringlich.’ Dann warte ich lieber auf das nächste Gespräch.“ Das Hindernis ist kein äußerer Umstand – es ist ein automatischer innerer Gedanke.
PLAN: Gemeinsam entwickeln Lars und sein Coach einen Wenn-dann-Plan: „Wenn ich nach einem Nein merke, dass ich anfange zu zögern, dann atme ich einmal bewusst aus, sage mir innerlich ‘Nächster’ und wähle die Nummer aus der Wiedervorlage innerhalb von zehn Sekunden an.“
Was WOOP hier leistet: Lars hat nicht nur ein Ziel – er hat einen vorbereiteten Reflex. Im Moment der Ablehnung muss er nicht mehr entscheiden oder kämpfen. Der Plan greift automatisch. Genau das ist der Kern von Oettingens Forschung: Implementation Intentions verdoppeln nachweislich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verhalten tatsächlich umgesetzt wird.
WOOP und SMART kombinieren: SMART klärt, was erreicht werden soll. WOOP klärt, wie man mit sich selbst umgeht, wenn es schwierig wird. Beide Modelle zusammen bilden eine solide Grundlage für nachhaltige Verhaltensänderung im Coaching – besonders in leistungsorientierten Kontexten wie dem Vertrieb.
Eco-SMART: Das Ziel im Systemzusammenhang denken
SMART stellt den Klienten in den Mittelpunkt. Das ist richtig und wichtig. Aber kein Mensch lebt im Vakuum. Jedes Ziel, das ein Mensch verfolgt, wirkt auf sein Umfeld zurück – auf Kollegen, Familienmitglieder, Freunde, das Team. Und umgekehrt: Das Umfeld wirkt auf das Ziel. Eco-SMART trägt dieser Tatsache Rechnung.
Das „Eco“ steht für Ecological – ein Begriff aus dem systemischen Coaching, der fragt: Passt dieses Ziel in das System, in dem der Klient lebt? Ist es verträglich mit seinen Rollen, Beziehungen und Werten? Und was verändert sich in diesem System, wenn das Ziel erreicht wird?
Entwickelt und geprägt wurde die Idee der ökologischen Zielprüfung maßgeblich durch das systemische NLP, insbesondere durch Robert Dilts und Joseph O’Connor, die den sogenannten Ecology Check als festen Bestandteil der Zielarbeit etablierten. Im modernen systemischen Coaching gehört diese Perspektive zur Grundausstattung.
Die drei Kernfragen des Eco-Checks
1. Auswirkung auf andere
Was verändert sich für die Menschen im Umfeld des Coachees, wenn er sein Ziel erreicht? Wer profitiert, wer könnte sich bedroht, übergangen oder belastet fühlen?„Wen betrifft es, wenn du dieses Ziel erreichst? Wie werden sie reagieren?“
2. Wertekongruenz & Rollenverträglichkeit
Steht das Ziel im Einklang mit den Rollen, die der Coachee in seinem Leben einnimmt – als Kollege, Partner, Elternteil, Teamplayer? Ein Ziel, das eine Rolle stärkt, aber eine andere beschädigt, erzeugt innere Reibung und Widerstand.„In welchen deiner Rollen hilft dir dieses Ziel – und in welchen könnte es Konflikte auslösen?“
3. Langfristige Verträglichkeit
Ist der Weg zum Ziel nachhaltig? Wird Energie verbraucht, die an anderer Stelle fehlt? Ein Ziel, das kurzfristig Erfolg bringt, aber langfristig Beziehungen, Gesundheit oder andere wichtige Bereiche aushöhlt, ist ökologisch nicht tragfähig. „Was gibst du auf oder riskierst du, wenn du dieses Ziel auf diesem Weg verfolgst?“
Praxisbeispiel: Eco-SMART mit Lars
Lars hat sein SMART-Ziel und seinen WOOP-Plan. Aber im Gespräch taucht etwas auf, das zunächst harmlos klingt: Um die Nachmittagsquote zu steigern, überlegt Lars, früher ins Büro zu kommen und sich vor Schichtbeginn „warmzureden“. Außerdem möchte er an seinen freien Abenden Gesprächstechniken üben – er hat eine App gefunden, mit der er simulierte Telefonate führen kann.
Das klingt engagiert. Aber der Eco-Check deckt ein Spannungsfeld auf:
Ziel: Mehr Abschlüsse, mehr Selbstwirksamkeit, Stolz auf die eigene Arbeit
System: Lars lebt mit seiner Partnerin zusammen. Die Schichtarbeit hat ihre gemeinsame Zeit bereits eingeschränkt. Abendliches Üben = weiterer Rückzug.
Eco-Check mit Lars im Coaching-Gespräch
AUSWIRKUNG
Coach: „Du sagst, du willst abends die App nutzen. Wer ist dann noch an deinem Abend beteiligt?“
Lars: „Meine Partnerin. Die beschwert sich eigentlich schon, dass ich gedanklich oft noch bei der Arbeit bin.“
ROLLEN
Coach: „Du willst im Job stolz auf dich sein. Wie wichtig ist dir, auch als Partner präsent zu sein?“
Lars: „Das ist mir eigentlich genauso wichtig. Ich merke gerade, das passt nicht zusammen.“
NACHHALTIGKEIT
Coach: „Was passiert mit deiner Energie und deiner Motivation im Job, wenn die Spannung zu Hause größer wird?“
Lars: „Die wird schlechter. Das war schon mal so. Ich drehe mich im Kreis.“
ANPASSUNG
Gemeinsam justieren Lars und sein Coach das Vorgehen: Kein Üben am Abend – stattdessen 10 Minuten strukturierte Reflexion direkt nach der Schicht, noch im Büro. Das Ziel bleibt. Der Weg wird systemverträglich.
Was der Eco-Check geleistet hat: Er hat nicht das Ziel infrage gestellt, sondern den Weg dorthin auf seine Verträglichkeit geprüft. Lars behält sein SMART-Ziel – aber er verfolgt es auf eine Art, die sein gesamtes Leben nicht destabilisiert. Das ist nachhaltige Veränderung.
Merksatz für die Praxis: Der Eco-Check ist kein Bremspedal, sondern ein Kompass. Er stellt nicht die Frage „Solltest du das wirklich wollen?“, sondern „Wie kannst du es wollen, ohne dich dabei selbst zu beschädigen?“ Wer Ziele systemisch begleitet, erhöht die Chance auf echte, dauerhafte Veränderung erheblich.
OKR-Framework: Wenn Inspiration auf Messbarkeit trifft
OKR steht für Objectives and Key Results – Ziele und Schlüsselergebnisse. Das Framework wurde ursprünglich von Andy Grove bei Intel entwickelt und in den 1970er-Jahren auf Grundlage von Peter Druckers Management by Objectives verfeinert. Den großen Durchbruch erlebte OKR, als John Doerr das System 1999 zu Google brachte. Seitdem nutzen es Unternehmen wie Intel, Google, LinkedIn und viele andere weltweit – nicht nur im Management, sondern zunehmend auch in der persönlichen Entwicklungsarbeit und im Coaching.
Der entscheidende Gedanke hinter OKR: Ein gutes Ziel braucht zwei Ebenen. Eine inspirierende, qualitative Richtung – das Objective – und konkrete, messbare Beweise, dass man auf dem richtigen Weg ist – die Key Results. Beide Ebenen zusammen ergeben erst ein vollständiges Bild.
Objective
Ein ambitioniertes, inspirierendes Ziel. Qualitativ formuliert. Beantwortet die Frage: Wohin wollen wir?
- Motivierend und richtungsweisend
- Kein Zahlenziel, sondern ein Bild
- Fordert heraus – aber ohne Angst
- In der Regel für einen Quartalszeitraum
Key Results
2–5 messbare Ergebnisse, die beweisen, dass das Objective erreicht wurde. Beantwortet: Woran erkennen wir Fortschritt?
- Quantitativ und eindeutig messbar
- Keine Aufgaben, sondern Ergebnisse
- Ambitioniert: 70 % Zielerreichung gilt als Erfolg
- Wöchentlich überprüfbar
Was OKR von SMART unterscheidet
Auf den ersten Blick ähneln sich OKR und SMART – beide wollen Ziele konkret und messbar machen. Der wesentliche Unterschied liegt in der Struktur und im Anspruch:
| SMART | OKR |
| Ein Ziel: alle fünf Kriterien in einem Satz | Zwei Ebenen: inspirierende Richtung + messbare Beweise |
| Realistisch – erreichbar mit vorhandenen Mitteln | Bewusst ambitioniert – 100 % sind kein erreichbares Ziel, 70 % gelten als Erfolg |
| Eher Einzelziel, abgeschlossen nach Termin | Zyklisch – Quartale, regelmäßige Reflexion eingebaut |
| Gut für konkrete Verhaltensänderungen | Gut für Entwicklungsziele mit mehreren Teilaspekten |
Der Stretch-Gedanke: OKRs sind bewusst so gesetzt, dass 100 % Zielerreichung unwahrscheinlich ist. Wer immer alle Key Results voll erreicht, hat sich zu wenig getraut. Diese Kultur des „produktiven Scheiterns“ ist im klassischen SMART-Denken so nicht vorgesehen – und macht OKR besonders wertvoll für Wachstumsprozesse im Coaching. Allerdings ist diese Methode eher für intrinsisch motivierte Personen geeignet, die sich wirklich entwickeln möchten.
Praxisbeispiel: OKR mit Lars
Lars hat seine SMART-Ziele, seinen WOOP-Plan und den Eco-Check im Gepäck. Nach vier Wochen hat er seine Quote verbessert und beginnt, größer zu denken. Er möchte nicht mehr nur seine Nachmittagsquote reparieren – er will sich als Vertriebsmitarbeiter grundlegend weiterentwickeln. Hier wird OKR zum passenden Werkzeug, weil es diese breitere Entwicklungsperspektive besser abbildet als ein einzelnes SMART-Ziel.
Lars’ OKR für das nächste Quartal
OBJECTIVE
„Ich werde zu einem Vertriebsmitarbeiter, der mit Überzeugung, Stabilität und echter Kundenfokussierung arbeitet – und der stolz auf das ist, was er täglich tut.“
Key Results – die messbaren Beweise:
- Die Abschlussquote im Nachmittags-Slot steigt von 11 % auf 25 % – gemessen wöchentlich im Coaching-Controlling, über zwei Wochen im Schnitt.
- Lars führt an mindestens 8 von 12 Wochen seine tägliche fünfminütige Reflexion nach der Schicht durch und dokumentiert eine Erkenntnis pro Woche.
- Lars gibt in der Selbsteinschätzung am Quartalsende an, nach einer Absageserie mit 7 von 10 oder mehr motiviert in das nächste Gespräch zu gehen (aktuell: 3 von 10).
- Lars führt in mindestens 3 Team-Meetings aktiv das Wort – sei es mit einem Tipp, einer Frage oder einer Beobachtung aus seiner eigenen Praxis.
Warum dieses OKR funktioniert: Das Objective beschreibt einen Menschen – nicht eine Kennzahl. Die Key Results (KR) decken verschiedene Dimensionen ab: Leistung (1), Verhalten (2), innere Haltung (3) und soziale Präsenz im Team (4). Wenn Lars am Ende des Quartals KR 1 und KR 3 zu 70 % und KR 2 und KR 4 voll erreicht hat, hat er sein Objective gelebt. Das ist OKR-Logik.
OKR im Coaching-Kontext: OKR ist kein Ersatz für SMART, sondern eine Erweiterung für komplexere Entwicklungsprozesse. Nutze SMART, wenn ein konkretes Verhalten verändert werden soll. Nutze OKR, wenn ein Coachee eine neue Identität, Rolle oder Haltung entwickeln will – und mehrere Messgrößen nötig sind, um diesen Weg wirklich abzubilden.
Fazit: SMART ist eine Haltung, keine Checkliste
Wenn du SMART wirklich verstanden hast, dann weißt du: Das Modell ist eine Einladung zu Präzision, Ehrlichkeit und echter Verbindung mit dem eigenen Willen. Die fünf Buchstaben sind kein Formular, das ausgefüllt werden muss – sie sind fünf Fragen, die dein Klient sich selbst stellen darf, manchmal zum ersten Mal in dieser Tiefe.
Im Callcenter wie im Führungscoaching, im Persönlichkeitsentwicklungssetting wie im Sportcoaching: Das Prinzip ist überall dasselbe: Wer weiß, was er will, warum er es will, woran er es erkennt und bis wann er es haben will – der hat die entscheidende Hälfte seines Weges bereits gemacht.
Deine Aufgabe als Coach ist es, diesen Prozess mit klugen Fragen, echtem Interesse und dem Vertrauen in die Ressourcen deines Klienten zu begleiten. SMART gibt dir dafür ein stabiles, erprobtes Gerüst. Was du daraus machst, liegt bei dir.
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