Einem Mitarbeiter kündigen – wie objektiv ist ein Urteil?

Wenn Mitarbeitern eine Kündigung ausgesprochen werden muss, ist es keine Aufgabe, die leichtfertig angegangen wird. Hinter jeder Kündigung steht letztlich ein Mensch, dessen Existenz davon betroffen sein kann. Gleichzeitig verliert das Unternehmen einen eingearbeiteten Mitarbeiter, in dessen Suche und Einarbeitung bereits Zeit und Geld investiert wurden.
Und trotzdem bleibt eine Kündigung das letzte Mittel der Wahl. Wie heißt es so schön? Man kann anderen nur vor den Kopf schauen. Und die Wahrheit ist: Das Urteil zur Kündigung fällt in den seltensten Fällen ein Vorgesetzter aus dem Nichts; meistens trifft der Mitarbeiter die Entscheidung, gekündigt zu werden.

Wenn ein Urteil zum Vorurteil wird

Doch gerade, wenn mehrere Mitarbeiter in kurzer Zeit auffällig sind, erinnere ich mich an etwas, das mir während meiner Ausbildung vermittelt wurde: das Rosenhan-Experiment, bekannt unter dem Titel „On Being Sane in Insane Places“. Hierbei handelt es sich um eine Studie vom Stanford-Professor David Rosenhan, die 1973 durchgeführt wurde und sich sinngemäß übersetzen lässt mit: „Als psychisch Gesunder in einer psychiatrischen Klink.“

David Rosenhan war ein Psychologe und Jurist. Ein Gedanke beschäftigte ihn zu jener Zeit immens: Wie stark werden psychiatrische Diagnosen von der Wahrnehmung der behandelnden Personen beeinflusst?

Das Rosenhan-Experiment

Und um dieser Frage nachzugehen, besprach er mit sieben Personen, sich auf eigenen Wunsch in psychiatrische Kliniken einweisen zu lassen. Eine gemischte Gruppe. Ein Psychologiestudent in seinen 20ern, drei Psychologen – darunter er selbst, ein Kinderarzt, ein Psychiater, ein Maler und eine Hausfrau.

Die Aufgabe war einfach: Die Teilnehmer sollten sich in einer psychiatrischen Klinik vorstellen und berichten, Stimmen zu hören, die sie als „leer“, „hohl“ oder „dumpf“ beschrieben. Ihre übrigen Angaben zur Lebensgeschichte, Familie und ihren Beziehungen sollten wahrheitsgemäß sein. Sobald sie aufgenommen wurden, sollten sie keine weiteren Symptome vortäuschen und sich ganz normal verhalten und ihre Entlassung anstreben.

Was sollte damit herausgefunden werden?
Wie zuverlässig sind psychiatrische Diagnosen? Können Fachleute psychisch gesunde Menschen von psychisch kranken unterscheiden? Und beeinflusst eine einmal gestellte Diagnose, wie das spätere Verhalten eines Menschen wahrgenommen wird?

Was kam dabei heraus?

Alle acht Patienten wurden als psychisch krank eingestuft. Sieben erhielten die Diagnose Schizophrenie und einer manisch-depressiv zu sein. 

Die Pseudopatienten verhielten sich normal, machten ihre Aufzeichnungen, nahmen an Aktivitäten teil, so wie sie immer im Alltag agierten. Doch das Personal entdeckte in ihrem Verhalten deutliche Anzeichen, die die ursprüngliche Diagnose bestärkten.
Langeweile wurde als Nervosität interpretiert. Als einige Teilnehmer heftig reagierten, nachdem sie schlecht behandelt worden waren, wurde es auf die Erkrankung geschoben. Das Warten auf das Essen in der Kantine, eine der wenigen Freuden im Klinikalltag, wurde ebenfalls missdeutet.
Doch wichtiger: Normales Verhalten führte nicht dazu, dass die Diagnose an sich hinterfragt wurde.
Rosenhans Bericht beschreibt damit ein grundsätzliches Problem: Eine einmal getroffene Einschätzung kann beeinflussen, wie spätere Beobachtungen gedeutet werden.

Als die Suche nach Simulanten begann

Ein Lehr- und Forschungskrankenhaus bezweifelte die Ergebnisse und wollte überprüfen, ob sich Simulanten tatsächlich so schwer erkennen ließen. Das Personal wurde deswegen von Rosenhan darüber informiert, dass in den folgenden drei Monaten möglicherweise ein oder mehrere Pseudopatienten versuchen würden, in der Klinik aufgenommen zu werden.

Und tatsächlich: Insgesamt wurden 193 Patienten beurteilt.
Bei 41 war zumindest ein Mitarbeiter mit hoher Sicherheit von einem Simulanten überzeugt. Bei 23 äußerte mindestens ein Psychiater einen Verdacht. Und bei 19 waren sich sowohl ein Psychiater als auch ein weiterer Mitarbeiter der Klinik einig, dass es sich um einen Simulanten handelt. 

Das Problem? Rosenhan hatte keinen einzigen Patienten in die Klinik eingeschleust.

Was habe ich für mich mitgenommen?
1. Psychisch gesunde Menschen wurden als psychisch krank diagnostiziert; und das, obwohl sie nach der Aufnahme keine Symptome mehr vortäuschten.
2. Sobald das Personal gezielt nach Simulanten suchte, verdächtigte es zahlreiche regulär aufgenommene Patienten.

Ist das nicht ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie sehr uns unsere Erwartungen beeinflussen, wie wir andere Menschen beurteilen und wahrnehmen?

Was das Experiment mit meiner Arbeit zu tun hat

Das lernte ich vor zwei Jahrzehnten in Bergisch-Gladbach während meiner Ausbildung als Altenpfleger. Schon damals faszinierte mich das Experiment.

Jetzt bin ich fast fünfzig Jahre alt und Führungskraft. Ich entscheide über Einstellungen und Kündigungen. Und das Rosenhan-Experiment geistert mir dabei immer wieder durch den Kopf.

Ist die Kündigung wirklich gerechtfertigt? Wurde ein Mitarbeiter von seinem Teamleiter fair bewertet? Was spricht objektiv für den Mitarbeiter und was gegen ihn? Änderte sich nach Mitarbeitergesprächen etwas? 

Beruhigend ist, dass die allermeisten Anträge auf Kündigung fair begründet sind. Doch es gibt diese Ausnahmen, dass ich mich gegen eine Kündigung ausspreche. Ja, ich bin da im Führungsteam derjenige, der ein weiches Herz hat. Und ich bin stolz darauf. Allerdings zeigt sich manchmal erst einige Monate später, ob meine Einschätzung richtig war und die zusätzliche Chance tatsächlich etwas beim Mitarbeiter bewirkt hat.

Eine Frage treibt mich immer wieder an: Was, wenn meine Urteilskraft getrübt wird aufgrund negativer Sichtweisen, die auf meinem Schreibtisch landen? Würde ich einer solchen Prüfung, wie dem Rosenhan-Experiment, standhalten?

Ich erlebte oft, dass sich das Verhalten eines Menschen positiv verändert, wenn ich mich ernsthaft für ihn einsetzte und ihm eine ehrliche Chance gab. Manchmal muss erst jemand Fremdes signalisieren, dass er an an jemandem glaubt, bevor die Person selbst an sich glauben kann.

Das Experiment ist allerdings nicht unumstritten. Andrew Scull, Soziologe und Medizinhistoriker, beschäftigte sich mit der Entstehungsgeschichte und der Zuverlässigkeit des Experiments. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich um einen wissenschaftlichen Betrug gehandelt habe. Ob diese Einschätzung zutrifft, kann ich selbst nicht beurteilen. Deshalb möchte ich das Experiment auch nicht als wissenschaftliche gesichert verstanden wissen.
Das Experiment half mir im Laufe meines Lebens immer wieder, Fragen zu stellen, fair zu bleiben sowie Menschen als Summe ihrer Erfahrungen zu sehen und nicht einfach auf einzelne Verhaltensweisen zu reduzieren. Das klappt mal mehr und mal weniger gut. Doch jedes Mal, wenn es funktionierte, bestärkte es mich genauso weiterzumachen.

Wie objektiv ist dein Urteil? Probiere es selbst aus und finde heraus, wie sich deine Einschätzung verändert, wenn du zusätzliche Informationen erhältst: zum interaktiven Experiment.


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